Ein guter Nachmittag in Neubrück

Antje Dilling berichtet von der der Bürgerkonferenz zum Wohndialog am 17.11.2017.

„Nein“, sagte meine Freundin entschieden „ich gehe nicht dahin.“ Wir standen vor einem ungewöhnlich großen Plakat, das uns BürgerInnen einlud zu einem Gespräch mit VertreterInnen aus Wohnungswirtschaft, Verwaltung und Politik am Freitag, 17.11.2017. „Nein, denn das gibt wieder bloß ein Gejammer und Geschimpfe; das hab ich oft genug gehabt.“

Aber es kam ganz anders bei dieser Versammlung, dem Wohndialog in der Turnhalle der Gemeinschaftsgrundschule. Schon die Äußerlichkeiten sagten viel: Die Stühle im Halbrund, eine Tischreihe mit Getränken, kein erhöhtes Podium für die VertreterInnen der Institutionen und eine Leinwand. Die Begrüßung durch den Bezirksbürgermeister Marco Pagano war kurz und genau. Es ginge um das Quartier zwischen Ludwig-Quidde-Platz, Hermann-Hesse-Weg und Weismantelweg; man wolle Ideen sammeln für Verbesserungen im Quartier und vor allem zuhören.

Danach erfuhren wir von einer überaus positiven Neuerung. Die VertreterInnen der verschiedenen Institutionen hatten nämlich mit der Vorsitzenden des Bürgervereins, Sylvia Schrage und dem Sozialraumkoordinator Andreas Hansmann vor vier Wochen einen Spaziergang durch das Quartier gemacht. An Hand der Fotos wurden nun die Schwachstellen deutlich gezeigt. Es waren ca. 20 Punkte! Zwischendurch meldeten sich Leute aus der Zuhörerschaft zu Wort und konnten ihre Kritik anbringen. Die aufmerksame Moderatorin ließ alle ausreden. Sie ermunterte uns, das Miteinander der BewohnerInnen zu schildern. Und alle hörten zu. Der Unterschied zu früheren Veranstaltungen dieser Art war offensichtlich: Die Zuständigen verstanden, worum es geht, weil sie sich vor Ort informiert hatten, und andererseits blieben die Beschwerden erstaunlich sachlich und deutlich. Es wurde nicht verschwiegen, dass eine Reihe von misslichen Situationen durch MitbürgerInnen aus anderen Ländern entsteht. Ich habe keine gehässigen Töne vernommen. Ich denke, weil man sich verstanden fühlte, konnte man ruhiger reden. Und es gab neben den vielen Aussagen, dass seit etwa 15 Jahren alles schlechter geworden sei, auch Beispiele erfreulichen Zusammenlebens. Ein privater Deutschunterricht sorgte ebenso wie das Überreichen von Brot und Salz an neue Mieter für gute nachbarliche Kontakte. Anke Bruns, die Moderatorin, schlug noch Feste, Treffen oder gemeinsame Ausflüge vor.

Nun nahmen die Zuständigen der Vonovia, Dewog und Münch und aus der Verwaltung Stellung zu den einzelnen Punkte, erklärten ihre Situation, auch die personelle, in den Wohnungsbaugesellschaften, den Ämtern und bei der Polizei. Die unermüdliche Freundlichkeit der Moderatorin ermöglichte jedem, der oder die wollte, eine Aussage zwischendurch anzubringen. Anke Bruns bündelte die Aussagen durch Hinweise.

Inzwischen hatte der Sozialraumkoordinator für Neubrück, die Punkte an großen Stellwänden sortiert, und in der Pause konnten alle Anwesenden mit roten Klebepunkten ihre gewünschten Themen markieren, die nach der Pause vertieft werden sollten.

Die Themengruppen sind wichtig und interessant, hier ist aber nicht der Platz dafür.

Wichtig war in der zweiten Hälfte des Wohndialogs, dass herausgearbeitet wurde, warum der Dialog eine so große Bedeutung hat. Zum einen braucht die Polizei Zeugenaussagen in vielen Fällen, damit sie etwas unternehmen kann. Zum anderen brauchen die Wohnungsbaugesellschaften von den BewohnerInnen Informationen zu den einzelnen Geschehnissen. Drittens brauchen die Mieter oft schnelle kompetente Hilfe in vielen kleinen und großen Fällen im Alltag. Es wird immer eine gewisse Unruhe sein, denn „schwierige Leute wollen sich nicht integrieren, auch nicht bei eigenen Landsleuten, ungefähr 10%“ hieß es, und niemand widersprach. Als zwischendurch ein Redner meinte, aus political correctness sei ja nicht alles gesagt worden, stimmte die Moderatorin ihm ausdrücklich nicht zu.

Nun folgten im Gespräch verschiedene Vorschläge zur Verbesserung im Quartier –Veedelshausmeister mit bestimmten Kompetenzen und regelmäßigen Kontakten z.B. per Handy zu BewohnerInnen und Ämtern – das Ordnungsamt immer ansprechbar machen – durchdachte geplante Vermietung der Wohnungen.

Noch immer kein Schluss. Anke Bruns blieb konzentriert. Es ging nochmal um Poller, die die Autos ausschließen sollen…. Mir schwirrte der Kopf von Personalaufstockung, Ordnungsamt, Gemeinschaftsaktionen, Mieterschaft, Mülldetektiv, mietrechtlich tätig werden, Grundkonflikt, Verkehrsamt, Bezirksordnungsdienst, Vandalismus, Kioskprobleme, 400 bis 1200 Wohnungen …. Da kam der Satz des Tages, unwiderlegbar positiv: „Unsere Fußgängerzone ist ein großes Gut, und das wollen wir erhalten!“

Wenig später erfuhren wir, dass es ein Problembewusstsein in den Ämtern gibt. Man hat das IHK entwickelt, das Integrierte Handlungskonzept. Die GAG hat Angestellte, die in dieser Richtung schon arbeiten. Vorstellbar ist ein Zusammenschluss mehrerer Institutionen und Sponsoren, dann könnte es eine Stelle für Verknüpfungen geben, für Sozialberatung, für Sozialarbeit. Die Deutsche Wohnungsbaugesellschaft kann einen Raum dafür mietfrei zur Verfügung stellen. Fördermittel hat der Bezirk, sagt der Bezirksbürgermeister. So könnte vieles besser laufen. Einen besseren Schluss konnten wir nicht erwarten!

Es wurde beschlossen: Der Wohndialog soll weiterlaufen, man will sich treffen und mit den Ämtern der Stadt in den danach erforderlichen Kontakt treten.

So ist dieser Nachmittag für Neubrück hoffnungsvoll zu Ende gegangen.